Noch denken wir, wir hätten unser Leben unter Kontrolle. Aber das ist, wie man sich denken kann, natürlich eine Illusion. Vielleicht eine gute, eine nützliche Illusion, allein, sie zerbricht so oft, dass jeder von uns in sich die heimliche Gewissheit trägt, dass DAS ALLES nicht zu kontrollieren ist. Man muss schon sehr resilient sein, um die Illusion der Kontrollierbarkeit vor sich selbst aufrecht zu erhalten. Aber Kontrollverlust ist nicht immer schlecht, viele von uns geben viel Zeit Geld für gezielten Kontrollverlust aus, sei es durch Alkohol und Drogen, durch Sportveranstaltungen, Konzerte, Tanz und Musikgenuss oder das allwöchentliche Lottospiel. Doch der Zufall hat keine Moral, er weiß nichts von Gut und Böse, von Glück und Unglück. Zufall ist. Zufall passiert – immer überall. Zufall ist der heimliche Herrscher, und diesem wird viel zu wenig gebührende Reverenz erwiesen.

Die Quantenmechanik ist eine Theorie des Zufalls, wenn auch die nicht die Theorie des Zufalls. Die Quantenmechanik hat das Reich des Zufalls in abstrakte Formeln gegossen, aber die Konsequenzen reichen viel weiter. Nichts was ist, kann vorherbestimmt werden. Jedes mögliches Ereignis hat mögliche Alternativen, die sich zu einer Überlagerung von Möglichkeiten verschränken, in der Dinge gleichzeitig schon sind und noch nicht sind. Nur im Nachhinein werden sie zu Sachverhalten, zu Fällen. Im Vorhinein regiert quantenmechanische Willkür. Das bedeutet aber nicht, dass alles möglich ist. Die Grenzen des Möglichen sind durch physikalische Prinzipien festgeschrieben, durch Energie- und Impultserhaltung, durch die Struktur von Raum und Zeit und Gesetze unseres Denkens. An den absoluten Grenzen umrahmt unerschütterlich das Licht den Kegel der Kausalität. Außerhalb des Lichtkegels liegt das Gebiet des Unmöglichen, Unbetretbaren, Unwissbaren.
Wir sind, genau betrachtet, nicht viel, nur ein mageres Bündel von Möglichkeiten, wie auch die Welt um uns herum. In einem unvorhersehbaren Tanz der Realisationen kommunzieren wir mit der Welt, was Vergangenheit sein wird, ohne dass es ein „Ich“ gäbe, dass dies bewerkstelligen würde oder auch nur könnte. Das „Ich“ ist nurmehr ein Bündel von Möglichkeiten, ein Medium, um das Vergangene zu sehen und sich das Kommende vorzustellen. Und so wird gleichzeitig Gleichzeitigkeit ebenfalls zur Illusion. Zwischen gestern und morgen, zwischen dir und mir liegt immer ein Weg des Verlustes.

Trotz der Unabwendbarkeit des Zufallhaftigen des Lebens, ist der Mensch eine Sinnmaschine, dazu verdammt noch im letzten wilden Rauschen ein sinnhaftes Moment zu entdenken und zu verfinden. Die Verkenntnis der fundamentalen Akausalität des Kausalen gebiert den täglichen Aberglauben, den wir manchmal Kunst nennen. Dies ist ebenso sinnlos wie notwendig und deswegen zufällig sinnvoll. Die Sinnmaschine Mensch reflektiert und manifestiert sich in der Sinnmaschinerie Kunst einzig und allein durch diesen scheibaren Widerspruch, und die Kunst wird ihrerseits zur Superposition von Möglichkeiten, die im Auge des Betrachter notwendig einen zufälligen Sinn ergeben. Intentionsabgleich, was man gelungene Kommunikation nennen könnte, ist dabei selten und reine Kontingenz. Dennoch können wir manchmal drauf wetten, denn Strukturen des Vorhersagbaren sind als Nebelschleier der Gewissheit immer noch greifbar – wenn wir das nötige Bewusstsein dazu besitzen.
Alles ist beliebig und doch auch wieder nicht. Kunst als semiotisches Glücksspiel (sie macht Sinn oder vielleicht auch nicht, wie eine Münze, die klimpernd auf nassen Asphalt fliegt) tritt dabei in einen selbstreflektierenden Regelkreis des zufällig gelingenden Versuchs der Sichtbarkeitmachung des Kontigenten, gerade auch wenn sie scheitert. „Verstehen wir uns nicht, ist es gerade recht!“[1]. Dieses Motto von Monty Cantsin steht paradigmatisch für das Siegen im Verlust, das Gelingen im Scheitern, der Sichtbarmachung des Verborgenen.
Die (Ver-)bindungen zwischen den Menschen sind quantenmechanische Wurmlöcher die Raum und Zeit durchtunneln, bei denen niemand weiß, ob das, was an einen Ende hineinfällt, am anderen Ende überhaupt wieder herauskommt, oder ob es dann noch dasselbe ist oder als sein Gegenteil, sein eigenes Antiteilchen m,terialisert. Schlimmer noch (und dadurch tröstlich): Wir haben keinerlei Zugriff darauf, was jeweils der Fall ist, denn am Ereignishorizont einer Raumzeitsingularität ent-wickeln sich die verwickelten Superpositionen der Möglichkeiten ohne dass wir wissen können, wie und in welcher Form das geschieht. Uns bleibt nur, am anderen Ende des zwischenmenschlichen Wurmlochs zu sitzen und zu hoffen und zu warten, um zu erfahren und zu erleben, welche Option sich zu uns hinüberbeamt.

Dies mündet in der Unschärferelation von Kunst und Leben. Kennen wir die Kunst, kennen wir das Leben nicht, kennen wir das Leben, kennen wir die Kunst nicht mehr. Und doch die die Kunst die Ableitung nach dem Leben und umgekehrt, beide sind nicht getrennt voneinander denkbar. Deswegen können und müssen wir jeweils einen Standpunkt einnehmen, uns der Kunst oder dem Leben lustvoll hingeben, und dass in jedem Zeitpunkt und an jedem Ort immer wieder neu. Das Sein ist weder Kunst noch Leben, sondern beides. Das Entweder-Oder ist ein Sowohl-Als-Auch.
Doch in einer vereinheitlichten Theorie von allem, dem großen Zeh des Universums, werden schließlich auch Raum und Zeit zu vollkommen unsicheren Orten, zu einer reinen Überlagerung vager Optionen, die sich, quantisiert und granular, zu einem Möglichkeitskontinuum verschränken, zu einem allgegenwärtigen physikalischen Konjunktiv. Wir können dann nicht mehr wissen, wann und wo wir sind, aber wir können immer noch darüber reden.
Das sei hiermit geschehen.
[1] Manchmal auch als “Verstehen wir uns gerade, ist es nicht recht!” überliefert.